{"id":3884,"date":"2020-12-11T21:13:06","date_gmt":"2020-12-11T20:13:06","guid":{"rendered":"https:\/\/bambus-deutschland.de\/?page_id=3884"},"modified":"2021-10-20T18:58:50","modified_gmt":"2021-10-20T16:58:50","slug":"die-asiatischen-bambuswolllaeuse-trionymus-bambusae","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bambus-deutschland.de\/index.php\/bambus-kultur\/schaedlinge\/die-asiatischen-bambuswolllaeuse-trionymus-bambusae\/","title":{"rendered":"Die asiatischen Bambuswolll\u00e4use (Trionymus bambusae)"},"content":{"rendered":"<p>In seinen asiatischen Herkunftsgebieten kommen mehr als 150 Schildlausarten am Bambus vor (1). Daher ist es nicht \u00fcberraschend, dass einige Arten mithilfe von importierten Pflanzen ihren Weg nach Europa gefunden haben. So d\u00fcrften mittlerweile viele Fargesienliebhaber die unliebsame Bekanntschaft mit Bambuswolll\u00e4usen gemacht haben. Wolll\u00e4use, auch Schmierl\u00e4use genannt, bilden innerhalb der \u00dcberfamilie der Schildl\u00e4use (<i>Coccoidea<\/i>) die Familie der <i>Pseudococcidae<\/i>. Die deutsche Bezeichnung Wolll\u00e4use oder Schmierl\u00e4use ist auf die bei vielen Arten vorkommende wollige und bei Ber\u00fchrung schmierende, aus Wachs bestehende Behaarung zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Niederlanden und in Belgien wurden beispielsweise Wolll\u00e4use an <i>Fargesia sp<\/i>., <i>Semiarundinaria fastuosa<\/i> und <i>Pseudosasa japonica<\/i> als <i>Trionymus bambusae<\/i> identifiziert (2). Dieser Neuank\u00f6mmling saugt gesch\u00fctzt unter den Halmscheiden Pflanzensaft, was dazu f\u00fchrt, dass sich der Austrieb nicht richtig entwickelt. Im Extremfall kann eine Pflanze sogar ganz eingehen. Die Tiere sterben im Winter nicht ab und sind unter den Halmscheiden nur schwer zu bek\u00e4mpfen und vor R\u00e4ubern wie beispielsweise Ohrw\u00fcrmern gesch\u00fctzt. Welchen Schaden die Tiere in Ostasien anrichten, ist noch nicht bekannt (2).<\/p>\n<p>Es gibt bei den Wolll\u00e4usen Unterschiede von Art zu Art, aber im Prinzip sind die ersten Larvenstadien, die aus den Eiern schl\u00fcpfen, sogenannte \u201eCrawler\u201c, d.h. die ersten Larvenstadien krabbeln zu passenden Pflanzenteilen oder neuen Wirtspflanzen. Die Crawler k\u00f6nnen nur etwa einen Tag ohne Nahrungsaufnahme \u00fcberleben. Wenn sie einmal ihren Saugr\u00fcssel eingestochen haben, bleiben sie meist an dieser Stelle sitzen. Das Crawler-Stadium ist das empfindlichste und am leichtesten zu kontrollierende Stadium der Wolll\u00e4use. Bei den erwachsenen Geschlechtstieren sind die M\u00e4nnchen gefl\u00fcgelt, so dass sie von Wirtspflanze zu Wirtspflanze fliegen k\u00f6nnen und so die Gefahr von Inzucht verringert ist. Die Weibchen sind hingegen fl\u00fcgellos und haben die \u00e4u\u00dfere Gestalt der Larven (Neotenie). Neue Wirtspflanzen m\u00fcssen daher &#8222;zu fu\u00df&#8220; erobert werden. Aus der Umgebung werden die Crawler also nur in Ausnahmen in den Garten einwandern k\u00f6nnen. Das Problem sind die Vermehrungsbetriebe, wo viele Pflanzen \u2013 z.T. in Folientunneln oder Gew\u00e4chsh\u00e4usern &#8211; sehr dicht stehen. Das gro\u00dfe Einfallstor f\u00fcr Bambuswolll\u00e4use sind also neu erworbene Pflanzen. Neuerwerbungen sollte man kontrollieren und l\u00e4ngere Zeit in Quarant\u00e4ne halten. Zweckm\u00e4\u00dfigerweise l\u00e4sst man sie w\u00e4hrend der Quarant\u00e4ne im Topf, weil man sie so gezielter, sparsamer und umweltschonender mit einem systemisch wirkenden Insektizid im Gie\u00dfwasser behandeln kann. Noch besser w\u00e4re es, mit dem Bambush\u00e4ndler ein R\u00fcckgaberecht zu vereinbaren, denn es ist nicht einfach oder gar preiswert, Bambuswolll\u00e4use auf einer befallenen Pflanze vollst\u00e4ndig auszurotten. Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse dar\u00fcber, welcher Abstand w\u00e4hrend der Quarant\u00e4ne zu anderen Bambuspflanzen eingehalten werden muss. Im Forum der EBS-D gibt es Hinweise, dass die Crawler schon 6 \u2013 8 m \u00fcberwunden haben. Auch muss man theoretisch mit der M\u00f6glichkeit rechnen, dass die Crawler \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Entfernungen mit dem Wind transportiert werden. Schildlausarten, welche Honigtau absondern, k\u00f6nnen durch Ameisen, welche den Honigtau nutzen, auf neue Wirtspflanzen versetzt werden. Bei Bambuswolll\u00e4usen habe ich jedoch noch nie den klebrigen Honigtau bemerkt.<\/p>\n<p>\u00dcber die Lebensweise von <i>Trionymus bambusae<\/i> ist in unserem speziellen Fall relativ wenig bekannt. Man wei\u00df nicht, wie viele Eier die bis zu 5 mm gro\u00dfen Weibchen legen und ob sich die Art nur geschlechtlich vermehrt oder ob auch Parthenogenese (Jungfernzeugung) vorkommt. Die sehr viel kleineren gefl\u00fcgelten M\u00e4nnchen sind wissenschaftlich noch nicht beschrieben. Man wei\u00df auch nicht, wie viele Generationen von der Art pro Jahr gebildet werden. Bei der verwandten Art <i>Trionymus perrisii<\/i> wurde herausgefunden, dass 100-150 Eier gelegt werden und dass die Art in Mitteleuropa zwei Generationen pro Jahr ausbildet (2).<\/p>\n<p><strong>Autor: Raimund D\u00fcking<\/strong><\/p>\n<p>Quellenangaben:<br \/>\n(1) \u00dclgent\u00fcrk, S., Porcelli, F., Pellizzari, G.: The Scale Insects (Hemiptera: Coccoidea) on Bamboos in the Western-Palearctic Region: New Records\u2028and Distributional Data. Acta zool. bulg., Suppl. 6, 2014: 77-82<br \/>\n(2) Jansen, M.: New and less observed scale insect species for the Dutch fauna (Hemiptera: Coccoidea). Entomologische Berichten 69 (5) 2009: 162-168<\/p>\n<p><b>Fortsetzung 01: <i>Balanococcus kwoni<\/i> \u2013 eine weitere Bambuswolllaus aus Asien.<br \/>\n<\/b><br \/>\nInteressant ist vielleicht noch der Fall einer anderen Bambuswolllaus. Die bislang unbekannte Art <i>Balanococcus kwoni<\/i> wurde 2007 im botanischen Garten von Padua entdeckt und als neue Art beschrieben. Sie lebt dort versteckt unter den lang anhaftenden Halmscheidebl\u00e4ttern von <i>Pseudosasa japonica<\/i> und ist nur schwer zu entdecken, denn die Tiere bilden keinen Honigtau mit anschlie\u00dfendem Ru\u00dftaupilzbefall, und die Bambuspflanze wird nicht sichtbar gesch\u00e4digt. Die Art soll sich bisexuell vermehren und 4 \u2013 5 Generationen pro Jahr ausbilden. Die dunkelroten Weibchen legen ihre ebenfalls dunkelroten Eier in Eis\u00e4ckchen aus Wachs, welche Teile des Weibchens bedecken, ab. Die Tiere \u00fcberwintern als Ei und schl\u00fcpfen Ende M\u00e4rz. Die M\u00e4nnchen sind kurzlebig und erscheinen, wenn die Larven der 3. Generation zu erwachsenen Weibchen werden.<\/p>\n<p>Was den Fall so interessant macht, ist die Tatsache, dass mit der Bambuswolllaus auch ihr Parasitoid <i>Anagyrus niger<\/i> eingeschleppt wurde. Es handelt sich um eine bislang aus Europa noch nicht bekannte winzige Erzwespe aus der Famlie der <i>Encyrtidae<\/i>. Die Tiere legen ihre Eier in Schmierl\u00e4usen ab. Ihre Larven entwickeln sich in der lebenden Schmierlaus, welche erst stirbt, wenn die Larvenentwicklung des Parasitoiden beendet ist. Parasitierte Wolll\u00e4use erkennt man daran, dass sie aufgedunsen sind und wenig Wachshaare haben. Die Bambusse im botanischen Garten von Padua wurden Ende des 19. Jh. aus Asien eingef\u00fchrt, und seitdem sind keine neuen Bambusarten hinzugekommen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die Bambus-Schmierlaus und ihr Parasitoid im botanischen Garten von Padua schon mehr als 100 Jahre unter den Halmscheidebl\u00e4ttern von <i>Pseudosasa japonica<\/i> existieren. Erzwespen aus der Famlie der <i>Encyrtidae<\/i> sollen meist auf nur wenige Wirtsarten spezialisiert sein. Von <i>Anagyrus niger<\/i> war noch nicht bekannt, dass er auch von der neuentdeckten Schmierlaus <i>Balanococcus kwoni<\/i> lebt. Theoretisch k\u00f6nnte man sich also auf dem botanischen Garten von Padua <i>Pseudosasa japonica<\/i> besorgen und probieren, ob der Parasitoid auch \u201eunsere\u201c Bambus-Schmierlaus <i>Trionymus bambusae<\/i> bef\u00e4llt. Aber was w\u00e4re damit gewonnen? Gerade das Beipiel Padua zeigt doch, dass kein Parasitoid seine Wirtsart ausrotten kann, und es ist nicht sicher, da\u00df der Parasitoid das Schadbild an Bambuspflanzen auf ein ertr\u00e4gliches Ma\u00df reduzieren w\u00fcrde. Wahrscheinlicher ist, dass es zu starken Schwankungen der \u201eR\u00e4uber\u201c- und Beutepopulationen kommt. Auch ist die Ansiedlung neuer Arten immer mit unkalkulierbaren Risiken f\u00fcr das \u00d6kosystem verbunden.<\/p>\n<p>Nach heutigem Wissensstand stammt <i>Balanococcus kwoni<\/i> aus S\u00fcdkorea. In Italien wurde die Art mittlerweile auch in Venetien und Ligurien an <i>Pseudosasa sp<\/i>. gefunden. Auch in England ist sie weit verbreitet. Sie lebt dort an vielen Bambusgattungen, namentlich an <i>Bambusa, Fargesia, Pharus, Phyllostachys, Pleioblastus, Pseudosasa<\/i> und <i>Sinarundinaria<\/i>. Au\u00dferdem soll sie in einem Vermehrungsbetrieb in Frankreich an <i>Fargesia jiuzhaigou<\/i> festgestellt worden sein.<\/p>\n<p><strong>Autor: Raimund D\u00fcking<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><br \/>\nGiulia Zanettin: Balanococcus kwoni (Hemiptera, Pseudococcidae) e altri fitofagi esotici dei bamb\u00f9 in Italia. Tesi di laurea in riassetto del territorio e tutela del paesaggio. Relatore: Prof.ssa Giuseppina Pellizzari, Anno Accademico 2011-2012<br \/>\n\u00dclgent\u00fcrk, S., Porcelli, F., Pellizzari, G.: The Scale Insects (Hemiptera: Coccoidea) on Bamboos in the Western-Palearctic Region: New Records\u2028and Distributional Data. Acta zool. bulg., Suppl. 6, 2014: 77-82<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinen asiatischen Herkunftsgebieten kommen mehr als 150 Schildlausarten am Bambus vor (1). Daher ist es nicht \u00fcberraschend, dass einige Arten mithilfe von importierten Pflanzen ihren Weg nach Europa gefunden haben. So d\u00fcrften mittlerweile viele Fargesienliebhaber die unliebsame Bekanntschaft mit Bambuswolll\u00e4usen gemacht haben. 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