Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’, Bambus des Jahres 2026

Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’. Foto: Thierry Rossier
Dr. Steffen Greiner

Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ ist als Form aus einer Gattungshybridisierung zwischen Sasa und Phyllostachys hervorgegangen. So vereint die Pflanze Großblättrigkeit mit einer gewissen Größe im Habitus. Die Pflanze ist mit ihren großen, auffällig schön panaschierten Blättern einzigartig im Bambussortiment.

Abbildung 1a: Die großen, panaschierten Blätter von Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ sind einzigartig im Bambussortiment. Foto: Kalle Rieck (links)
Abbildung 1b: Die großen, panaschierten Blätter von Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ sind einzigartig im Bambussortiment. Foto: Chistian Wach

Herkunft

Der ursprünglich von der Westküste Honshus, der Hauptinsel Japans, stammende Bambus wurde 1981 aus dem Fuji Bamboo Garden nach Frankreich in die Bambouseraie de Prafrance eingeführt. Der Fuji Bamboo Garden in Nagaizumi, das zur japanischen Präfektur Shizuoka (südwestlich von Tokio) gehört, ist mit etwa 500 Bambusarten aus aller Welt die auch heute noch größte Sammlung verschiedener Bambusse. Ebenso sehenswert ist mit Sicherheit der damalige Zielort, die Bambouseraie de Prafrance nahe Anduze am Fuß der Cevennen in Frankreich. Hier wachsen heute 200 verschiedene Arten und Sorten von Bambus teils bis 25 m hoch. Von der Bambouseraie de Prafrance aus, die die Vermehrung der Pflanze betrieb, verbreitete sich die Pflanze dann in der Folge in ganz Europa [1,2].

Abbildung 2: Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ als Hecke. Foto: Ute Außem

Wie ist die Pflanze entstanden?

Es wurde schon früh aufgrund der morphologischen Merkmale vermutet, dass es sich bei Hibanobambusa um eine Gattungshybride zwischen Sasa und Phyllostachys handelt. Als „Eltern“ wurden Phyllostachys nigra ‘Henonis‘ und Sasa veitchii vermutet [3]. Der Beweis auf molekularer Ebene, dass es sich bei Hibanobambusa tatsächlich um eine Gattungshybride handelt, konnte von Triplett et al. 2014 erbracht werden [4]. Die Autoren konnten durch Untersuchen verschiedener Genloci[1] nachweisen, dass jeder untersuchte Locus in Hibanobambusa tranquillans ein Sasa-ähnliches und ein Phyllostachys-ähnliches Allel aufweist [4]. Konsequenterweise wurde auch vorgeschlagen, den Gattungsnamen Hibanobambusa durch Phyllosasa zu ersetzen, was dann intuitiv klarmachen würde, dass es sich um eine Gattungshybride zwischen Phyllostachys und Sasa handelt. Hibanobambusa tranquillans müsste nach dieser Logik × Phyllosasa tranquillans heißen [5]. Eine Namenskorrektur, die sich bei der Bezeichnung der Pflanze im Handel und unter Sammlern nicht durchgesetzt hat und die wir deshalb der Klarheit wegen auch nicht in diesem Artikel verwenden wollen.

Zur Entstehung von Hibanobambusa tranquillans: Wenn tatsächlich Phyllostachys nigra ‘Henonis‘ einer der Eltern ist, so muss die Hybridisierung und damit die Entstehung von Hibanobambusa tranquillans während einer der seltenen Blühperioden von Phyllostachys nigra ‘Henonis‘ stattgefunden haben. Die Art blüht derzeit, allerdings war die letzte Blüte davor im Zeitraum von 1903-1912 [6]. Das Blühintervall beträgt etwa 120 Jahre. Im selben Zeitraum blühte auch Sasa veitchii [3], womit der Entstehungszeitpunkt wahrscheinlich im frühen 20. Jahrhundert liegen dürfte. Hibanobambusa tranquillans selbst blühte dann im Zeitraum 1970-1972, es wurden aber keine keimfähigen Samen gebildet. Die Ursache für diese Sterilität könnte in der Hybridisierung zwischen Gattungen liegen. Allerdings tauchte kurz nach der Blüte (1974) die hier beschriebene Form ‘Shiroshima‘ auf, die nach der Blüte aus der Form ‘Kimmei‘, die ebenfalls farbenfroher als die Stammform ist, hervorging [2]. Relativ oft beobachtet man während der Blüte von Bambusarten eine erhöhte Mutationshäufigkeit und gerade die panaschierten Formen entstehen oft während solcher Phasen, auch wenn der Grund dafür unbekannt ist.

Abbildung 3: Junger Trieb mit sich grade ablösender Halmscheide von Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’. Man beachte die Rinne (Sulcus) unterhalb des Knotens was für die Phyllostachys-Elternschaft spricht. Foto: Thierry Rossier

Eigenschaften

Nach den Erklärungen zur verworrenen Herkunft und Entstehung wenden wir uns den Eigenschaften dieser außergewöhnlich schönen Pflanze zu. Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ ist ein ausläuferbildender Bambus (leptomorphe Rhizome) und braucht daher eine Rhizomsperre oder viel Platz und regelmäßiges Abstechen. Die wuchsfreudige Pflanze hat Halme mit einer Rinne (Sulcus, Abbildung 3) und einem Verzweigungsmuster ähnlich wie Phyllostachys, die großen Blätter sind aber ein Merkmal, welches aus der Sasa-Elternschaft kommt (Abbildung 1). Die Halme sind meist 1,5 bis 3 m hoch, aber bei optimalem Standort und längerer Standzeit sind auch Höhen bis 5 m im mitteleuropäischen Klima möglich. Der Durchmesser der Halme ist in der Regel unter 1 cm, sehr große Halme können bis maximal 2 cm Durchmesser erreichen.
Die jungen Halme sind dunkelgrün und die Halmscheiden weisslich bis ockerfarben mit feinen Härchen, ohne Flecken und schnell abfallend (Abbildung 3). Das auffälligste an Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ sind die Blätter, die mit 20 bis 25 cm Länge und 4 bis 5 cm Breite groß und sehr auffallend grün/weiss/cremefarben panaschiert sind (Abbildung 1). Die Blattscheiden haben außergewöhnlich lange Wimpern (Abbildung 4).

Abbildung 4: Blattscheiden von Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ haben außergewöhnlich lange Wimpern. Foto Renate Lohmer

Wie durch die Eltern vielleicht zu erwarten, sind die Erfahrungen bezüglich Winterhärte eher positiv. Die Pflanzen vertragen trotz der großen Blätter Temperaturen bis nahe -20°C. Im Gegensatz zu anderen immergrünen panaschierten Pflanzen ändert sich normalerweise die Farbe der Blätter und auch die Leuchtkraft über den Winter kaum. Die Pflanzung kann sonnig bis halbschattig erfolgen, Vollschatten ist nicht ratsam. In voller Sonne können die weißen Blattanteile auch eine leicht rosa/violette Färbung bekommen. Gut zur Geltung kommt Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’ in Einzelstellung als Solitär aber auch – wegen der recht guten Schnittverträglichkeit – als Hecke (Abbildung 2). Bambusse eignen sich meist nicht gut für dauerhafte Topfkultur, allerdings scheint dieser Bambus besser dafür geeignet als viele andere, vorausgesetzt man teilt alle paar Jahre und schützt die Töpfe im Winter vor dem Durchfieren bei allzu tiefen Temperaturen. Vielleicht ist die Topfkultur eine Alternative für diejenigen mit wenig Platz oder Bedenken diesen sehr schönen aber ausläufertreibenden Bambus auszupflanzen. Dieser mittelhohe Bambus hat auf jeden Fall, schon wegen der sehr schönen und besonderen Blätter, eine weitere Bekanntheit und Verbreitung verdient.

Abbildung 5: Austrieb von Hibanobambusa tranquillans ‘Shiroshima’. Foto: Thierry Rossier

Literatur

  1. Eberts, W., “Bambusportrait Hibanobambusa tranquillans f. ‘Shiroshima’”, Bambusbrief 1988 (4).
  2. Ohrnberger, D., “The Bamboos of the world” Elsevier, 1998
  3. Okamura, H.; Tanaka, Y. “The horticultural bamboo species in Japan: the characteristic and utilization of ornamental bamboo species with illustration“ Kobe : Hata Okamura (1986)
  4. Triplett, JK. et al. “Independent allopolyploidization events preceded speciation in the temperate and tropical woody bamboos”, New Phytologist (2014) 204: 66–73 doi: 10.1111/nph.12988
  5. Demoly, JP. “× Phyllosasa tranquillans (Koidz.)”, Bambou 21: 14 (1995).
  6. Greiner, S., „Die Blüte von Phyllostachys nigra var henonis“, Bambus Journal (1) 2025, S. 10-11

Fussnote:

Der Locus oder Genlocus ist die physische Position eines Gens im Genom. Unterschiedliche Ausprägungen oder Varianten dieses Gens werden als Allele bezeichnet. Der Plural ist Loci.

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